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„Sorry, I am Sicilian and I am drunken!“

Als ich das Restaurant betrete ist mir noch nicht klar, welchem Schauspiel ich mich gleich hingeben werde. Aktuell bin ich nur auf der Suche nach einer großen Portion Spaghetti Sepia Nero. Und die bekomme ich auch; zusammen mit einem großen Glas sizilianischem Weißwein.

Erst nach der Bestellung bemerke ich meinen Premiumplatz in erster Reihe. Ich sitze draußen an einem Hochtisch, eines doch recht guten Restaurants, in dem man gleich mal –unbestellterweise- ein paar Bruscette zum Wein bekommt – man muss es Ihnen lassen: Tomaten und Olivenöl können sie einfach, die Sizilianer. Auf 12 Uhr: Leicht verzotteltes, aber definitiv strähniges Haar. Dunkelbraun, durchaus lang, ein wenig wie aus The Ring. Leicht fahle Gesichtsfarbe, die Augen klein, ein wenig Blutunterlaufen, um es auf den Punkt zu bringen: sternhagelblau! Ich tippe auf Ende Zwanzig, eine Flasche Rotwein, ein Handy und die lustigen Handschuhe ohne Fingerkuppen. Sie trinkt. Sie bemüht sich mit Nachdruck etwas in ihr Handy zu tippen. Der Typ neben ihr –definitiv der Chef, denn alle springen wenn er blinzelt- stets bemüht ihrer Wüsche gerecht zu werden, ihrer Gespräche zu lauschen.

So hängt sie also an diesem Glas und ihrer Zigarette, bei der es ihr jedoch bereits schwer fällt sie anzuzünden ohne sich ernsthafte Brandwunden zuziehen. Ihre Augen werden kleiner. Ein kräftiger Schluck Rotwein. Mein Essen kommt. Ein kräftiger Schluck Weißwein. Es schmeck hervorragend.

Das muss sie sich auch wenig später denken, als sie einen Berg Kartoffelecken und ihr Stück Fleisch serviert bekommt. Alles unter dem kritischen Blick des Chefs. Der Schluckauf beginnt. Der klassische Verlauf einer wunderbaren Betrunkenheit. Doch sie isst tapfer, was ihr aufgetragen. Sie winkt den Kellner heran. Mein Blick schweift beim letzten Schluck Weißwein über die beleuchtete Straße. Mitte Dezember, ich sitze draußen. Auf der elektronischen Anzeige steht, dass der Airport Bus in 5min kommt. Es nieselt leicht. Über mir hängt zwischen den Häuserfassaden die klassische Straßenweihnachtsbeleuchtung. Der Bus kommt jetzt in 6min. Aus dem Lautsprecher trällert Michael Bubblé ein Weihnachtslied. Es hat 16 Grad. Mein Blick trifft abermals die Busanzeige:  Mit jeder Minute die vergeht, braucht der Bus eine Minute länger um anzukommen. Ich drehe mich zurück, auf 12h, die Hauptdarstellerin bittet den Kellner Ketchup und Mayo großzügig über den Kartoffelecken zu verteilen; scheinbar ist das koordinatorisch nicht mehr drin. Er folgt der Bitte. Für einen kurzen Moment beschleicht mich das Gefühlt, das Kafkaeske hat mich aus Prag bis hierher verfolgt. Es ist zu kurios, um nicht real zu sein!  Ich bestelle zum Nachtisch ein Glas Rotwein, das Popcorn der Sizilianer, das einzig angemessene für diese Szenerie.

Abwechselnd schaue ich in mein Glas, mein Buch und gebannt an den Nebentisch. Sie bittet nun den Chef ihr eine Textnachricht vorzulesen –auch hier scheinen die Sinne nachzugeben- während sie sich ein weiteres Glas aus der Flasche eingießt. Möchte ihr eigentlich niemand diese Flasche wegnehmen? Schließlich bemühen sich ein paar andere Gäste an ihr vorbei zum Tisch dahinter. Sie steht auf, will sie durchlassen, was allerdings an Standhaftigkeit scheitert. Sie lächelt benommen: Sorry, I am Sicilian and I am drunken. Gut, denke ich mir, immerhin hat sie ihre Situation erkannt! In der Zwischenzeit gesellt sich ein älterer Herr dazu, ich vermute ihr Vater. Ihm erzählt sie nun eine herzergreifende Geschichte zwischen Rotwein, Fleisch und Gefuchtel. Er nimmt das alles relativ emotionslos hin. Kurz darauf stößt die Chefin hinzu. Was mir erklärt, dass der Chef nur der Junior Chef sein kann. Es stellt sich heraus, dass es ihre Mutter ist, als sie die Protagonistin mehr oder minder unter dem Tisch hervorzieht. Ein weiterer großer Schluck aus meinem Glas. Das Airport Shuttle braucht jetzt nur noch 4min. Die Frauen diskutieren, wie die Männer auch. Es scheint langsam auf den letzten Akt zuzugehen. Ich ordere die Rechnung, alle verschwinden überstürzt nach innen. Um mit Karte zu zahlen, ich auch. Hier finde ich eine Hauptdarstellerin über der Kasse hängen, alle weiteren Statisten wild gestikulierend drum herum. PIN rein, ich wieder raus. Der Jr. Chef stellt mir einen Limoncello mit einem milden Lächeln auf den Tisch. Das muss der letzte Akt sein. Ich schlürfe, was ein Zeug, das knallt. Der Airport Bus fährt vor, es regnet immer noch ein wenig. Sie stürzt nun unverhofft aus dem Lokal und verschwindet in der Masse; es bleibt eine hitzige Diskussion. Ich nehme den letzten Schluck Limoncello und tue es ihr gleich. Der Airport Bus auch.

10.12.15 22:17
 


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